Kundentreue statt Preiskampf: Wie Energieversorger mit effektivem Churn Management Abwanderung verhindern
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Churn Management Energieversorger

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Kundentreue statt Preiskampf: Wie Energieversorger mit effektivem Churn Management Abwanderung verhindern

Die Energiebranche ist ständig in Bewegung. Nach der Energiekrise und in Zeiten steigender Energiepreise zeigen Kund:innen eine nie dagewesene Wechselbereitschaft. Laut dem Monitoringbericht der Bundesnetzagentur (2024) wechselten im Jahr 2023 rund 6,02 Millionen Kund:innen den Stromanbieter, was etwa 12 % aller Stromhaushalte entspricht – ein Rekordwert. Vergleichsportale wie Verivox und Check24 verstärken diesen Trend, indem sie den Anbieterwechsel einfacher denn je machen.

Für Energieversorgungsunternehmen bedeutet das: Wer Kund:innen langfristig binden will, muss mehr bieten als nur günstige Tarife. Ein durchdachtes Churn Management, also der strategische Umgang mit drohender Kundenabwanderung, wird damit zum entscheidenden Faktor für Stabilität und Zukunftsfähigkeit.

Warum Churn Management so wichtig ist

Kund:innen, die ihren Anbieter wechseln, hinterlassen nicht nur eine unmittelbare Lücke im Umsatz. Vielmehr verursachen sie auch langfristige Folgekosten, die sich erheblich auf die Rentabilität eines Unternehmens auswirken können. Doch effektives Churn Management erfordert mehr als nur technische Lösungen oder kurzfristige Preisnachlässe. Es beginnt mit einem fundamentalen Perspektivwechsel: weg von reaktiven Lockangeboten, hin zu einer echten, wertebasierten Kundenbeziehung, die Vertrauen schafft und langfristige Loyalität fördert.

Unternehmen, denen es gelingt, Kundenzufriedenheit kontinuierlich zu messen, aktiv Kundenbedürfnisse zu adressieren und sich als zuverlässiger Partner im Alltag zu positionieren, sichern sich nachhaltig ihren Markterfolg. Um das zu erreichen, gilt es die Herausforderungen von Kund:innen sowie die Gründe für Abwanderung ganzheitlich zu verstehen, um ihnen proaktiv zu begegnen:

1. Bonusmodelle ohne nachhaltigen Effekt: Kurzfristige Lockmittel ohne langfristige Wirkung

Viele Energieversorger setzen bei der Neukundengewinnung auf klassische Lockmittel wie Wechselprämien, Startguthaben oder kurzfristige Rabatte. Diese Anreize mögen kurzfristig funktionieren, sie führen jedoch kaum zu echter Kundenbindung. Gerade Kund:innen, die ihren Vertrag über Vergleichsportale abschließen, entscheiden sich häufig rein preisgetrieben. Für sie ist der Versorger ein austauschbarer Dienstleister, kein vertrauenswürdiger Partner. Das führt dazu, dass sie ebenso schnell wieder kündigen, wie sie gewonnen wurden, häufig bereits zum Ende der Mindestvertragslaufzeit. Loyalität entsteht so nicht.

Der Einsatz solcher Bonusmodelle kann deshalb sogar kontraproduktiv sein: Er fördert eine Wechselkultur, in der Kund:innen systematisch Anreize abgreifen, ohne langfristige Beziehungen aufzubauen. Unternehmen investieren hohe Summen in Neukundengewinnung, verlieren diese jedoch nach kurzer Zeit wieder. Die Folge sind steigende Churn-Raten bei gleichzeitig sinkender Profitabilität. Was fehlt, ist eine nachhaltige Kundenstrategie, die über den Preis hinausgeht und echte Mehrwerte, Serviceerlebnisse und langfristiges Vertrauen schafft.

2. Mangelnde persönliche Bindung: Eine Beziehung ohne Gesichter

Die Kommunikation zwischen Energieversorgern und Kund:innen beschränkt sich bei vielen auf Rechnungen, Abschlagspläne und Vertragsbestätigungen. Wer seine Kund:innen jedoch nur als Vertragsnummer oder Zählerstand wahrnimmt, muss sich nicht wundern, wenn das Unternehmen selbst als austauschbar und anonym empfunden wird.

Gerade in Zeiten wachsender Vergleichbarkeit von Preisen und Tarifen wird die emotionale Kundenbindung zum entscheidenden Differenzierungsfaktor. Wer Kund:innen das Gefühl gibt, als Mensch wahrgenommen zu werden, und zeigt, dass sie gehört, verstanden und ernst genommen werden, schafft Vertrauen und damit Bindung. Erfolgreiche Anbieter setzen deshalb auf aktive Kommunikation. Dazu gehören unter anderem moderne Feedbacksysteme, personalisierte Serviceangebote und transparente Informationskanäle.

3. Digitale Erwartungen nicht erfüllt: Demografischer Wandel und Technologien

Generationen wie Millennials und GenZ erwarten schnelle, intuitive und zuverlässige digitale Services, wie sie es bereits von anderen Branchen und Anbietern gewohnt sind – jederzeit, mobil und unkompliziert. Energieversorger, die auf analoge Prozesse oder komplizierte Portale setzen, wirken schnell veraltet und verlieren Vertrauen.

Dabei entscheidet heute nicht nur der Preis, sondern vor allem das Erlebnis. Wer den digitalen Standard nicht erfüllt, riskiert direkte Kündigungen. Umgekehrt gilt, wer moderne, digitale Angebote schafft, stärkt Bindung, Effizienz und die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens.

Churn Management in 5 Schritten: Von der Analyse zur Prävention

Ein wirksames Churn Management besteht nicht aus einzelnen Maßnahmen, sondern aus einem ganzheitlichen Prozess. In folgenden fünf Schritten erläutern wie, wie sich Kundenabwanderung gezielt reduzieren lässt:

1. Frühwarnsignale für drohende Kündigungen erkennen

Der erste Schritt ist aktives Zuhören. Über gezielte Kundenbefragungen entlang der Customer Journey und durch Kennzahlen, wie den Net Promoter Score (NPS), Customer Satisfaction Score (CSAT) oder Customer Effort Score (CES), lassen sich Risikofaktoren für eine Kündigung frühzeitig erkennen. Diese Metriken liefern nicht nur Zahlen, sie helfen dabei, kritische Berührungspunkte im Kundenverhältnis zu erkennen.

Noch wirksamer wird der Prozess mit einem integrierten „Hot Alert“-System: Sobald negatives Feedback eingeht, wird es automatisch priorisiert und an die zuständigen Teams weitergeleitet. So können Serviceprobleme, Frustrationen oder Kündigungsabsichten nicht nur registriert, sondern aktiv adressiert werden bevor es zu spät ist.

2. Ursachen für Kundenabwanderung verstehen

Nur wer die Gründe für drohende Kündigungen kennt, kann ihnen entgegenwirken. Moderne, KI-gestützte Analysetools helfen dabei, Muster im Kundenverhalten zu erkennen. Beispiel: Wiederholte Beschwerden über die Komplexität der Zählerstandsmeldung können ein Warnsignal sein und Anlass dazu, den Prozess zu vereinfachen, etwa durch eine vorausgefüllte Eingabemaske ohne Login-Hürde.

3. Maßnahmen zielgerichtet umsetzen

Kundenzufriedenheit verbessert sich nicht durch Zufall, sondern durch strategisches Handeln. Mithilfe von Treiberanalysen lassen sich die wichtigsten Einflussfaktoren auf die Customer Experience identifizieren. Kund:innen, die negative Erfahrungen gemacht haben, sollten aktiv kontaktiert werden, idealerweise mit der Rückmeldung, dass ihr Feedback konkret zu Verbesserungen geführt hat. Kleine Wiedergutmachungen wie Gutscheine oder Service-Extras können zusätzlich helfen.

4. Positive Kundenerlebnisse an relevanten Touchpoints schaffen

Servicequalität ist einer der entscheidenden Momente in der Kundenbeziehung – und oft auch der Grund für einen Anbieterwechsel. Laut Studien entscheiden sich mehr als 60% der Kund:innen wegen schlechtem Kundenservice für einen Wechsel. Wer gezielt in die Qualität dieser Kontaktpunkte investiert, schafft Differenzierung im Markt und kann sogar höhere Preise durchsetzen.

Der Kundenservice steht an vorderster Front der Kundeninteraktion und ist ein Zuhörposten. KI hilft dabei, aus den bereits vorhandenen Daten Insights zu gewinnen. Die anschließenden Ergebnisse sind spürbar und messbar, z.B. die Steigerung der betrieblichen Effizienz und die allgemeine Erhöhung der Kundenzufriedenheit, verbunden mit Zeit- und Kosteneinsparungen durch Automatisierung und die Implementierung einer zentralen Lösung.

5. Kündigungen aktiv verhindern

Je einfacher, schneller und transparenter die Interaktion mit dem Energieversorger ist, desto geringer die Wechselbereitschaft, vor allem bei digital-affinen Kund:innen. Transparente Kommunikation, intuitive Prozesse und eine positive Customer Experience sorgen für Vertrauen und reduzieren die Preissensibilität. Entscheidend ist, präventiv zu agieren und nicht erst zu reagieren, wenn die Kündigung bereits eingegangen ist.

Kundenbindung ist profitabler als Rückgewinnung

In einem Markt, der von hoher Vergleichbarkeit und geringer Markentreue geprägt ist, wird Kundenbindung zur entscheidenden Stärke. Energieversorger, die frühzeitig Abwanderungssignale erkennen, systematisch Kundenfeedback auswerten und die Customer Journey aktiv verbessern, schaffen nicht nur zufriedenere Kund:innen – sie sichern sich auch langfristig stabile Geschäftsbeziehungen.

Churn Management ist dabei kein einzelnes Tool, sondern eine Denkweise. Es erfordert eine kundenzentrierte Haltung, datengestützte Prozesse und digitale Exzellenz. Energieversorger, die diesen Weg konsequent gehen, stärken nicht nur ihre Markenbindung, sondern steigern auch nachweislich ihre Profitabilität. Churn Management lohnt sich insbesondere für Branchen, bei denen ein Vertrag oder Abonnement abgeschlossen wird. Zu den wichtigsten Branchen, gehört neben dem Banken- und Versicherungswesen auch die Energieversorgung.

Eine erfolgreich verhinderte Abwanderung erspart die eingesetzten Maßnahmen zur Rückgewinnung, die im Vergleich weniger erfolgversprechend und teurer ist, da Kund:innen häufig bereits beim Wettbewerber einen neuen Vertrag abgeschlossen haben. Es gilt im richtigen Moment einzuschreiten und Kündigung zu verhindern, da dies einen enormen Einfluss auf die Profitabilität eines Unternehmens hat. Präventives Churn Management ist kein Kostenfaktor, sondern es ist ein zentraler Hebel für nachhaltigen Unternehmenserfolg.

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